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Ärzteteam der MUL – CT auf Weltpremiere in Afrika

Neurochirurgen behandelten ungewöhnlich große Hirntumoren in Mwanza / Prof. Ehab Shiban zieht umfangreiches Fazit
18.11.2025
Einsatzwoche in Mwanza Tansania
Prof. Dr. Ehab Shiban, Chefarzt der Neurochirurgie der MUL - CT (3.v.l.), führte im Bugando Medical Centre (BMC) in Mwanza die neuroonkologischen Eingriffe unter dem Einsatz fortschrittlicher Technologien wie neuronavigierter Tumorresektion, intraoperativem Neuromonitoring und intraoperativer Strahlentherapie (IORT) durch.
Einsatzwoche Tag 1 7
Das Einsatzteam (v. l.): Dr. Henning Kahl (Facharzt für Strahlentherapie, Augsburg), Dr. Gerald Mayaya (Chefarzt der Neurochirurgie, BMC); Prof. Ehab Shiban (Chefarzt der Neurochirurgie (MUL - CT)); Dr. Maria Kipele (Assistenzärztin der Neurochirurgie (MUL - CT)) und Jean Croukamp (SNT Brainlab).
Einsatzwoche Tag 2 10
Prof. Shiban überreicht eine Holzskulptur von Maria und Joseph an die Ärztliche Direktorin des BMC, Sr. Dr. Alicia Massenga.
Einsatzwoche Tag 2 11
Herzlicher Empfang des deutschen Ärzteteams bei der Ärztlichen Direktorin Sr. Dr. Alicia Massenga im BMC in Mwanza.
Einsatzwoche Tag 1 5
Die Unternehmenskommunikation der MUL - CT durfte das Projekt medial begleiten.
Krankenhaus Tag 3 6
Operiert wurden vor allem bösartige Hirntumoren.
Einsatzwoche Tag 1 8
Vermittlerin zwischen den Welten und zugleich Projektinitiatorin: Dr. Maria Kipele. Gebürtig aus Tansania, betreibt sie vor Ort ein Waisenhaus mit mehr als 100 Kindern.
Einsatzwoche Tag 1 6
Das Bugando Medical Centre in Mwanza: Einzugsgebiet von 20 Millionen Menschen.

Ende Oktober reiste ein Ärzteteam der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL – CT) Cottbus in den Nordwesten Tansanias, um eine Woche lang Patientinnen und Patienten mit ungewöhnlich großen Gehirntumoren zu operieren. Dabei wurde erstmals auf dem afrikanischen Kontinent auch eine intraoperative Strahlentherapie am Gehirn durchgeführt.

Prof. Dr. Ehab Shiban, Chefarzt der Neurochirurgie, führte im Bugando Medical Centre (BMC) in Mwanza die neuroonkologischen Eingriffe unter dem Einsatz fortschrittlicher Technologien wie neuronavigierter Tumorresektion, intraoperativem Neuromonitoring und intraoperativer Strahlentherapie (IORT) durch. Zum Team gehörte auch Projektinitiatorin Dr. Maria Kipele. Die neurochirurgische Assistenzärztin aus der MUL – CT stammt gebürtig aus Tansania und betreibt dort ein Waisenhaus mit mehr als 100 Kindern: eine Vermittlerin zwischen den Welten.

Medizintechniker sowie Fachpersonal aus Deutschland komplettierten das Einsatzteam in dem Krankenhaus – mit einem Einzugsgebiet von 20 Millionen Einwohnern. Die Klinik betreibt die einzige Neurochirurgie in der Region.

Die Auswahl der zu behandelnden Patientinnen und Patienten konzentrierte sich auf bösartige und ungewöhnlich große Gehirntumoren. „Diese extreme Größe der Tumoren ist in Europa eher selten“, sagt Prof. Dr. Ehab Shiban. Die Ursache dafür ist eine schlechtere, spätere und lückenhafte Diagnostik im Land und ein prekärer Zugang zu adäquaten Therapien.

Prof. Dr. Shiban zählt zu den wenigen Ärzten weltweit, die diese hochkomplexen Eingriffe überhaupt beherrschen. „Die intraoperative Strahlentherapie ist bislang kaum etabliert und stellt gerade unter den schwierigen Bedingungen in Tansania eine echte medizinische Innovation dar. Häufig fehlen spezialisierte Expertise, technische Ausstattung sowie nachhaltige Fortbildungsprogramme im Bereich der modernen Neurochirurgie. Gleichzeitig stellt sie sicher, dass Patientinnen und Patienten nicht an einer nachgelagerten, organisatorisch schwer realisierbaren Strahlentherapie scheitern“, erläutert Prof. Shiban. Und weiter: „Die Strahlentherapie ermöglicht eine einmalige, zielgerichtete und schonendere Bestrahlung des Tumorbetts unmittelbar nach der Resektion ohne Zeitverzug und mit hoher Präzision. Somit stellt sie nicht nur eine technologische Innovation dar, sondern eine potenziell lebensverlängernde Maßnahme.“

In der Einsatzwoche operierte das Team mehrere Eingriffe täglich – parallel in zwei verschiedenen Operationssälen, bis es schließlich unterbrochen wurde. Die Wahlen, die im selben Zeitraum in Tansania stattfanden, führten auch in Mwanza zu Protesten auf den Straßen. Operationen mussten abgesagt werden, die Regierung verhängte eine Ausgangssperre, das Team verharrte zwei Tage im Hotel.

Mehrere medizinische Geräte wurden nach Tansania mitgebracht und vor Ort eingesetzt. Darunter ein Gerät, das während der Vollnarkose die Lage des Tumors bestimmt (Kick® – ein Neuronavigationsgerät der Firma SNT by Brainlab) und ein weiteres Gerät, das die Funktion und Bewegungen von Gehirnströmen überwacht (Neuromonitoring der Firma inomed). Außerdem kamen zwei Großgeräte der Firma Carl Zeiss Meditec AG zum Einsatz, die für die intraoperative Bestrahlung (INTRABEAM® 600*) und digitale Histopathologie (CONVIVO®*) verantwortlich sind. Ein Telekonsilwagen von avodaq in Kooperation mit Cisco war zudem eine Schenkung an das Bugando Medical Centre.

„Die Reise hat bestätigt, dass hochspezialisierte Medizin auch unter schwierigen Rahmenbedingungen sicher und wirksam möglich ist“, lautet das Fazit von Prof. Shiban.

„Entscheidend sind ein gut vorbereitetes Team, klare Behandlungsprotokolle und das gemeinsame Handeln vor Ort. Wir haben nicht nur operiert, sondern belastbare Partnerschaften vertieft – mit unmittelbarem Nutzen für Patientinnen und Patienten in Mwanza und mit konkreten Lerngewinnen für unsere tägliche Arbeit in Cottbus.“

Die Fälle hätten den hohen Mehrwert strukturierter OP-Checklisten, der Neuronavigation, des intraoperativen Neuromonitorings (Funktionsüberwachung) und der intraoperativen Strahlentherapie (IORT) eindrucksvoll gezeigt – gerade in ressourcenlimitierten Umgebungen. „Für viele Patientinnen und Patienten ist die IORT derzeit die einzige realistische Möglichkeit, überhaupt eine strahlentherapeutische Behandlung zu erhalten. Trotz Zeitdrucks und zeitweilig eingeschränkter Infrastruktur hat das Team sehr geschlossen agiert“, sagt Shiban. Hervorzuheben seien die saubere Indikationsstellung im Vorfeld, eine klare intraoperative Kommunikation und die konsequente Anwendung standardisierter Protokolle. „Bei der redundanten Logistik für Verbrauchsmaterialien und den belastbaren Backup-Konzepten bei Strom- und Netzausfällen wollen wir noch nachschärfen.“ Unter den besonderen politischen Umständen konnte die Versorgung aber laut Shiban jederzeit aufrechterhalten und die Patientensicherheit gewährleistet werden.

„Der Einsatz war gelebte Interdisziplinarität: Neurochirurgie, Anästhesie, Radiologie, Onkologie und Pflege arbeiteten Hand in Hand – von der präoperativen Fallkonferenz bis zur Nachsorge. Die Pflege hatte dabei eine Schlüsselrolle: Infektionsprophylaxe, Schmerzmanagement, Frühmobilisation und Angehörigenedukation waren zentral für die guten Verläufe. Dieses Miteinander ist die Basis nachhaltig hoher Behandlungsqualität“, beurteilt Shiban die Reise.

Wie geht es nun weiter? Die Zusammenarbeit zwischen der MUL – CT und dem Bugando Medical Centre in Mwanza wird auf eine dauerhafte, verlässliche Basis gestellt. Geplant ist ein geregelter Austausch in beide Richtungen: Kolleginnen und Kollegen aus Tansania hospitieren mit klar definierten Lernzielen in Cottbus, während Teams der MUL – CT regelmäßig in Mwanza operativ und schulend tätig sind. „Parallel entwickeln wir gemeinsame, standardisierte Behandlungs- und Nachsorgepfade – von der präoperativen Indikationsstellung über intraoperative Sicherheitsstandards mit Navigation, Neuromonitoring und intraoperativer Strahlentherapie bis hin zur strukturierten Rehabilitation. Diese Prozesse hinterlegen wir mit einem transparenten Qualitätsmonitoring, einschließlich Morbiditäts-/Mortalitätskonferenzen und Ergebnis-Benchmarking“, erläutert Prof. Shiban.

Ein Schwerpunkt wird zudem die digitale Vernetzung: Regelmäßige interdisziplinäre Fallkonferenzen und Tumorboards per Telemedizin schaffen Planungssicherheit, beschleunigen Therapieentscheidungen und erhöhen die Patientensicherheit. Ergänzend wird das Bugando Medical Centre mit zielgerichteter Ausstattung und Schulungen unterstützt – nicht als Einzelspende, sondern eingebettet in Wartungs-, Verbrauchsmittel- und Trainingskonzepte, damit die Technik sicher und nachhaltig eingesetzt werden kann.

„Wissenschaftlich heben wir die Kooperation über gemeinsame Studien auf die nächste Stufe. Unter geprüften Ethik- und Datenschutzstandards untersuchen wir den Einfluss strukturierter Abläufe auf Versorgungsqualität, Komplikationsraten und Mobilisationszeiten. Unser langfristiges Ziel ist, die Kolleginnen und Kollegen vor Ort so zu qualifizieren, dass sie komplexe Hirntumoren eigenständig und sicher operieren können – als belastbare Grundlage für messbar bessere Ergebnisse und als Blaupause für weitere standortübergreifende Kooperationen.“

Hintergrund

Zwei Mitarbeitende der Unternehmenskommunikation haben den Einsatz mit der Kamera begleitet. Dabei sind nicht nur Aufnahmen der Operationen, sondern auch Impressionen aus Mwanza sowie Interviews mit den Beteiligten vor Ort und ein filmischer Beitrag entstanden.

Hier gelangen Sie zum filmischen Beitrag (Martin Ender / MUL – CT):

https://www.youtube.com/watch?v=lKirGNbKq8o

Zugleich haben die Kolleginnen und Kollegen der Unternehmenskommunikation kontinuierlich ein digitales Tagebuch bestückt, das weiterhin auch auf der Homepage der MUL – CT zur Verfügung steht: https://ctk.pageflow.io/neuroonkologie-in-mwanza-tansania#3

Der Einsatz wurde unterstützt durch die Neurochirurgische Klinik der MUL – CT, die Bereitstellung mobiler Medizintechnik durch diverse Industriepartner sowie lokale Unterstützung durch das tansanische Gesundheitsministerium.