Vision. Wille. Universität. Prof. Dr. Ulrike Gutheil sagt Adieu.







Die Gründungsvorständin mit dem Zuständigkeitsbereich „Universitärer Strukturaufbau“ wurde feierlich verabschiedet. Ihr beruflicher Schlusspunkt war der Start für die „Akademische Feierstunde“ an der Universität, die es ab sofort für besondere Anlässe geben wird. Ein Format, dem Frau Gutheil mit ihrer Abschiedsrede viel Würde verlieh. Sie warf einen persönlichen Blick auf die Entstehung der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem, ließ die Gäste an schwierigen und heiteren Zäsuren teilhaben und verabschiedete sich mit wohl überlegtem Rat. Aus jedem Satz war zu hören, dass sie nicht nur mit Herz und Verstand dabei war, sondern dass sie am Werdegang unserer Uni weiterhin interessiert sein wird. Sie wünscht sich unseren Erfolg, an dem sie immer einen entscheidenden Anteil durch beeindruckenden Einsatz über viele Jahre haben wird.
„Diese Universität wäre nie gegründet worden, wenn alle das, was wir schon kannten, einfach umgesetzt und als vernünftig beschrieben hätten. Das ist kein Vorwurf an die Vernünftigen. Vernunft ist unverzichtbar — ohne sie entstehen keine Satzungen, keine tragfähigen Finanzpläne. Aber: Vernunft allein gründet keine neue – und schon gar nicht eine medizinische Universität in der jetzigen Zeit. Dafür braucht man Menschen, die an etwas glauben, bevor es Belege dafür gibt“, so Prof. Ulrike Gutheil in ihrer flammenden Ansprache zum Abschied ihrer Berufszeit an der MUL – CT. Kolleginnen und Kollegen, Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter sowie Freundinnen und Freunde waren der Einladung am 29. Mai gefolgt, um Prof. Gutheil im Hörsaal der Uniklinik zu verabschieden.
Die Bedeutung des Vorhabens „Aufbau einer Universitätsmedizin in Cottbus“ überzeugte sie nach anfänglichem Zögern schließlich doch. Denn die Chance ergreifen zu können, eine neue staatliche Medizinische Universität mit einer dazugehörigen Modellregion Gesundheit für die Lausitz zu errichten, um den Bürgerinnen und Bürgern ein Zukunftsversprechen für die Gesundheitsversorgung auch in der Zukunft geben zu können, würde kein zweites Mal kommen. Denn der Fokus war von Beginn an gesetzt! Es würde konzentriert um die Antworten auf die Fragen nach neuen Ideen zur langfristigen Sicherung der medizinischen und pflegerischen Versorgung im ländlichen Raum gehen … und das in Zeiten herausfordernder Rahmenbedingungen mit doppeltem demografischen Wandel, fehlenden Ärzten und Pflegefachpersonen, und zu wenig Gesundheitsangeboten in funktionierenden Netzwerken aller Beteiligter Professionen und Stakeholder insgesamt.
„Eine Verabschiedung gehört eigentlich zum Alltag einer Universität. Aber es gibt Ausnahmen - erst recht, wenn es um das Fundament einer Einrichtung einer neuen Universität geht. Wenn ich heute jemand so Entscheidendes gehen lassen muss – Frau Gutheil, die die Entstehung überhaupt erst angestoßen hat und die uns bis heute so aktiv, beratend, ermutigend, animierend – manchmal auch mahnend und immer höchst professionell begleitet hat, ist es – auch für mich – besonders bewegend“, so der Vorstandsvorsitzende der MUL – CT, Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel. „Ohne die Mitarbeit von Frau Gutheil wäre das Projekt Unimedizin nicht realisierbar gewesen! Sie hat viele Menschen überzeugt und die ins Boot geholt, die wir brauchten. Sie hat die richtigen Segel gesetzt und hat sich permanent mit allen Reisenden auf Entdeckungsreise begeben“, so Nagel weiter.
Ihre ganz persönliche und berufliche Reise begann die hanseatisch geprägte Visionärin zunächst nach ihrem Jurastudium in Bremen. Sie wurde Richterin, ging dann aber nach München an die Max-Planck-Gesellschaft. 1999 dann gelang ihr ein damals außergewöhnlicher Karriereschritt: Sie wurde als erste Frau in Deutschland Kanzlerin einer Technischen Universität. Sie füllte dieses Amt an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) bis 2004 in Cottbus aus und trug entscheidend zur Entwicklung der damals auch noch jungen Uni bei und es entstand für sie mehr als nur eine vorübergehende Bindung nach Cottbus und zu den Menschen in der Lausitz.
2004 dann führte ihr Weg zunächst wieder raus aus Cottbus nach Berlin. Die TU Berlin machte sie zu ihrer Kanzlerin. 2010 dann wählte die das Konzil der Humboldt-Universität zu Berlin zur Vizepräsidentin. Der BTU blieb sie als Professorin verbunden. Es folgte eine weitere Zeit als Kanzlerin an der TU Berlin, bis sie schließlich ihren Weg 2016 als Staatssekretärin im Brandenburger Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur fortsetzte. Über ihre ganze Laufbahn hatte sie viele Ehrenämter, engagierte sich u. a. für Frauen und für Wissenschaft und war qua Amt als Staatssekretärin auch Sorbenbeauftragte des Landes Brandenburg sowie Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung für das sorbische Volk.
Gerne folgte man ihr und lauschte ihren Ausführungen zu den einzelnen Stationen. Frau Gutheil machte dann deutlich, weshalb sie ihren Karriereweg beschrieb: „Ämter bewegen nichts. Menschen bewegen etwas“ und führte weiter aus: „Das Amt ist die Tür, aber man muss selbst hindurchgehen. Und wie man geht — mit welcher Haltung, mit welchem Respekt, mit welcher Bereitschaft, zuzuhören — entscheidet, ob man etwas bewirkt, oder ein Amt nur besetzt.“ Eindrücklich führte sie aus, dass Positionen wichtig sind, um Entscheidungskompetenz zu haben, dass es aber immer wichtig ist, die Bodenhaftung zu behalten.
Sie wurde auf angenehme Weise persönlich und verriet, dass sie einen handgeschriebenen Brief des ehemaligen und ersten Brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe hütet, wie einen Schatz – er bedeute ihr etwas, nicht nur, weil er ihr Glück in ihrem Amt gewünscht hatte, sondern weil er sich freute, dass eine Frau die Kanzlerschaft an der BTU übernommen hatte. Auch berichtete sie von ihrem ersten größeren Interview mit Antenne Brandenburg und ihrem Lampenfieber. Ihr wurde gesagt, es ginge gleich los – erst komme nur noch ein Lied. Sie traute ihren eigenen Ohren nicht, als von Pur: „Komm mit mir ins Abenteuerland“ ertönte. Sie lachte damals sehr und auch das Auditorium im Hörsaal an der MUL – CT hatte Spaß an dieser Geschichte, die einen darüber nachdenken lässt, ob es Zufälle gibt, oder eben nicht. So ist von nun an der „Gedenkmoment“ an Frau Gutheil auf ewig auch musikalisch gesetzt.
Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung der Universitätsmedizin zeigt sich Prof. Gutheil froh und dankbar, dass die Kooperation mit der BTU so konstruktiv angelaufen ist. Dass an der MUL – CT nun Lehre, Forschung und Krankenversorgung um System- und Zukunftsaufgaben ergänzt wird, gäbe es auf diese Art und Weise an bisher keinem anderen Standort.
Ja, sie setzte Zeichen. Ja, sie hinterlässt Spuren und ja, sie enttäuschte nicht, denn es lag der Wunsch aller quasi in der Luft, von einer Vorständin der Universitätsmedizin Lausitz ein paar Dinge mit auf den weiteren Weg gegeben zu bekommen. Der Wunsch wurde erfüllt: „Ich wünsche der Universität, dass sie schlank und serviceorientiert bleibt und immer den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Bürokratieabbau bedeutet, etwas gar nicht erst zu errichten, was man später bereut.“ Auf eine proaktive Verwaltung sollte die Uniklinik künftig setzen. „Zeigt, woran ihr forscht“, so ihr Appell. Und mit Blick zum Digitalisierungsvorstand Martin Peuker: „Herr Peuker, wir können allen in Deutschland zeigen, wie digitale Hochschulverwaltung funktioniert!“
Frau Gutheil dankte zahlreichen Begleitern und Begleiterinnen, Kolleginnen und Kollegen sehr. Ihre aufrichtigen Worte der Dankbarkeit gingen an den Ministerpräsidenten Brandenburgs, an die Wirtschaftsministerin, an den Lausitzbeauftragten oder die Präsidentin der BTU und natürlich ihre Vorstandskollegen an der MUL – CT genauso, wie an die Kollegenschaft der MUL – CT. Viele nannte sie persönlich, und man spürt ihre Verbundenheit zu den Menschen, die sie durch die Jahre getragen und gestärkt hat. Und dann die letzten Worte als Gründungsvorständin: „Die Zeit in Cottbus war für mich berufliches Lebensglück. Ich bedanke mich sehr herzlich, passen Sie auf sich und die großartige junge Universität auf – ein herzliches Glück auf - zegaj gorjej.“
Der Festakt war noch nicht vorbei. Nachdem Frau Gutheil viele persönliche gute Wünsche entgegengenommen hatte, angestoßen und ein paar Leckereien genascht wurden, ein weiterer Höhepunkt: Am Haupteingang pflanzte Prof. Gutheil gemeinsam mit Prof. Nagel und allen Vorstandskolleginnen und -kollegen einen jungen Ahornbaum. Ein bleibendes Symbol für das Neue – hier entsteht die neue Uni, hier wächst nicht nur ein Baum, sondern ein Versorgungssystem mit neuen Konzepten, neuer Qualität und Versorgungsverlässlichkeit für die Menschen … und wie der Baum soll alles Wurzeln schlagen, wachsen, gedeihen und stärker werden und den Winden trotzen. Aber wie Segel gesetzt werden, hat Frau Gutheil ja nun viele Jahre vorgemacht.
